Hier finden Sie eine Abhandlung über die Craniosacraltherapie. Ich will Ihnen damit zeigen, dass diese Therapie über "einfaches Anfassen" weit hinaus geht und einem geschlossenen Konzept folgt.

Eigentlich ist dieses kein Text für den medizinischen Laien, denn ich kann nicht alle medizinischen Fachausdrücke eindeutschen oder in diesem Rahmen erklären. Dem interessierten Patienten oder Therapeuten kann er aber Aufschluss über das Konzept geben.

Noch ein Wort zu der, von der Naturwissenschaft angezweifelten Bewegung der Schädelknochen: Niemand behauptet, dass die Knochennähte am Schädel wie ein Gelenk wirken. Diese Suturen sind aber eine Stelle von geringerer Stabilität, so dass sich eine innere Bewegung dort bemerkbar macht. Schaut man sich die Strukturen der Suturen an einem "gesprengten" Schädel an, so sieht man deutlich, dass diese Nähte alle eine Form haben, die Bewegungen oder Bewegungsimpulse nur in bestimmte Richtungen zulassen. Meines Wissens wird die Beweglichkeit der Schädelknochen NUR von der angelsächsischen Anatomie bestritten. In Italien wird schon seit den 1930ger Jahren an den Universitäten gelehrt, dass die Schädelnähte elastisch sind... Wozu also streiten?



Craniosacraltherapie
Die Craniosacraltherapie gehört zum Bereich der Manuellen Medizin und wird in den USA vor allem von Ärzten für Osteopathie propagiert bzw. am Institut für ostheopathische Medizin der staatlichen Universität in Michigan erforscht. In Deutschland wird sie vorwiegend von osteopathisch arbeitenden Heilpraktikern praktiziert. Konzeptionell bewegt sie sich zwischen der herkömmlichen allopathisch-osteopathischen Medizin und der Medizin, die sich vor allem auf psycho-physiologische Selbstregulationsvorgänge stützt.

Theoretische Grundlagen
Das „Craniosacralsystem“ ist ein eigenständiges physiologisches System, das sich zusammensetzt aus: den Meningealmembranen, den Knochenstrukturen, an denen die Meningealmembranen befestigt sind, den bindegewebigen Strukturen, welche eng mit den Meningealmembranen verbunden sind, der Zerebrospinalflüssigkeit und den zur Herstellung, Resorption und Speicherung des Liquors dienenden Strukturen. Das System steht in enger Verbindungen mit allen anderen Körpersystemen, insbesondere dem Nerven- und Muskelskelettsystem, so dass sich die Systeme gegenseitig beeinflussen.

Das Craniosacralsystem ist gekennzeichnet durch eine ständige rhythmische Bewegungsfähigkeit, deren Frequenz normalerweise 6-12 Zyklen pro Minute beträgt. Dieser Rhythmus ändert sich bei Erkrankungen sehr deutlich und liegt z.B. bei komatösen Patienten aufgrund von Hirnläsionen bei 2-4x pro Minute bzw. aufgrund einer Medikamenteningestion bei 12x pro Minute. Er ist abnorm hoch bei hyperkinetischen Kindern oder bei akuten Fieberzuständen. Veränderungen der Amplituden erlauben Rückschlüsse auf den Vitalitätspegel der Patienten. Der Craniosacralrhythmus bleibt dagegen stabil bei emotionaler Erregung, bei körperlicher Anstrengung bzw. im Ruhezustand, im Gegensatz zu Herz- und Atemrhythmus. Der Craniosacralrhythmus lässt sich am gesamten Körper, insbesondere im Bereich des Sakrum, palpatorisch (durch Fühlen) erfassen. Hier besteht eine sanfte Schaukelbewegung um eine Querachse, die sich rund 25 mm vor dem zweiten Sakrumsegment befindet. Eine Bewegung der Sakrumspitze nach anterior entspricht der Flexionsphase und eine Bewegung nach posterior der Extensionsphase. Aber auch der gesamte Körper dreht sich während der Flexionsphase nach außen und wird breiter bzw. während der Extensionsphase nach innen und wird dann schmaler.

Der Ursprung des Craniosacralrhythmus ist bis heute noch nicht genau bekannt. Upledger und Vredevoogd (1996) postulieren ein „Druckausgleichsmodell“: Nimmt man an, dass die Liquorproduktion doppelt so schnell wir die Resorption erfolgt, so entsteht eine obere Druckgrenze, die durch einen noch unbekannten Mechanismus dafür sorgt, dass die Liquorproduktion gestoppt wird, und eine untere Druckgrenze, bei der die Produktion wieder beginnt. Der wechselnde Auf- und Abbau des Druckes wird zwar durch die knöchernen und Bindegewebsstrukturen des Schädels begrenzt, diese Begrenzung ist aber elastischer, als von den meisten Anatomen unterstellt wird. Die kollagenen und elastischen Fasern der Knochennähte sind durchzogen von Gefäß- und Nervengeflechten, so dass bei bestimmten hydrostatischen Drucken im Schädelinneren ein Streckreflex aktiviert werden kann, der verantwortlich ist für Stopp oder Beginn der Liquorproduktion. Forscher der Universität Michigan sind bemüht, den Nachweis nicht nur für diesen neurophysiologischen Regelkreis zu führen, sondern auch darüber, dass es neurophysiologische Regulationsmechanismen im Bereich der Schädelvenen (Sinus) gibt, die den Abfluss des Liquors reflektorisch steuern.
Eine andere Theorie geht von sich überlagernden Rhythmen aus. Neben dem Blutpuls, der Atmung und dem relativ schnellen craniosacralen Rhythmus sind auch langsamere Rhythmen palpierbar. Der biodynamische Ansatz geht davon aus, dass es einen sehr langsamen, 100 Sekunden dauernden Rhythmus gibt, der die Flüssigkeiten des Körpers wie Ebbe und Flut durchläuft. Eine Überlagerung mit den anderen physiologischen Rhythmen könnte zu der Bewegung des zentralen Nervensystem, der Knochen und Gewebe führen.

Nicht-physiologische Bewegungen treten infolge einer Restriktion durch Bindegewebe oder Faszien im Muskelskelettsystem (z.B. bei Adhäsionen, Entzündungen oder abnormen Neuroreflexen) auf, aber auch bei einer ständigen Überforderung des sympathischen Nervensystems infolge des alltäglichen Stresses, wenn der Körper nicht mehr fähig ist, die Stressreize abzubauen. Gegen diese Restriktionen oder Barrieren arbeitet das Craniosacralsystem an, wodurch sich Qualität und Amplitude der craniosacralen Bewegungen verändern. Starre Barrieren entstehen durch knöcherne Probleme, elastische dagegen durch abnormale Membranspannungen. „Die Reaktion des ganzen Körpers auf das Craniosacralsystem beruht auf dem Konzept der faszialen Kontinuität im gesamten Körper. Die Bewegungen des Körpers stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Auswirkung der Schwankungen des Liquor cerebrospinalis auf das Nervensystem, das seinerseits den Tonus des Körpergewebes beeinflusst.“ (Upledger und Vredevoogd 1996, S.31)

Techniken und Ziele
Im Mittelpunkt der Untersuchungstechnik zur Beurteilung der craniosacralen Rhythmen steht die Palpation. Sie erfolgt mit beiden Händen, deren propriozeptive Wahrnehmungsfähigkeit geschult sein muss. So kann man z.B. fühlen, dass der Kopf 6-12x pro Minute schmaler und breiter wird, wobei das Okziput in der Flexionsphase breiter wird und sich die Schädelbasis nach anterior bewegt und sich um eine Querachse ca. 5 Zentimeter vor dem Inion dreht bzw. in der Extensionsphase kleiner wird und sich bogenförmig in entgegengesetzter Richtung zurückdreht. Auch bei Palpation von Os temporale oder Os parietale spürt man ihre Bewegung, die symmetrisch und im gleichen Rhythmus verlaufe. Wichtig ist es, auch die synchronen Bewegungen zwischen Okziput und Sakrum (s.o.) zu erfassen. Die Untersuchungstechniken variieren je nach Körperteil oder Organsystem.

Eine Behandlung dient dem Ziel, abnorme Restriktionen und Barrieren für die Bewegungen zu beseitigen und insgesamt eine autonome Flexibilität wiederherzustellen. „Somatische Funktionsstörungen“ oder „osteopathische Läsionen“ sind in den paravertebralen Bereichen als veränderte Gewebsstrukturen zu tasten, auch Drucküberempfindlichkeit und viszerale Funktionsstörungen können bestehen. Barrieren werden durch Bewegungsproben erkannt, dabei wird von den Therapeuten die Bewegung des Gewebes eingeleitet und in ihrem weiteren Verlauf beurteilt. Hierdurch können abnorme Restriktionen der Beweglichkeit festgestellt werden, insbesondere im Bindegewebe und in den Faszien. Die Beseitigung von abnormen Restriktionen erfolgt durch indirekte oder durch direkte Techniken. Die indirekte Technik besteht darin, die Bewegung in die freie, nicht eingeschränkte Bewegungsrichtung zu fördern, soweit dies möglich ist. In dieser Position wird die Struktur vom Therapeuten gehalten, bis es der Eigenmobilität der Struktur gelingt, eigenständig zu einer Neutralposition zurückzufinden. Diese Prozedur wird während mehrerer craniosacraler Bewegungsrhythmen wiederholt. Dadurch lockert sich das Gewebe („Release“). Durch die direkte Technik wird versucht, eine abnorme Barriere dadurch zu lösen, dass die eingeschränkte Struktur oder Membran in ihrer Bewegung unterstützt wird. Alle Eingriffe erfolgen sanft und ohne großen Kraftaufwand an sehr unterschiedlichen Körperpartien; sehr häufig stehen aber Okziput und Sakrum im Mittelpunkt der Behandlung. Im Laufe der Behandlung sollen der Rhythmus der craniosacrale Bewegungen modifiziert werden oder zum Stillstand kommen. Wenn der Ruhepunkt („still point“) erreicht ist, tritt eine völlige Entspannung ein, somatische Funktionsstörungen werden gebessert und Schmerzen gemildert. Diese Phasen werden mehrfach herbeigeführt.

Als „CV-4“ Technik wird die Behandlung am Okziput bezeichnet, wo die Anpassung an die intrakraniellen Druckverhältnisse normalerweise besonders gut ist und umgekehrt infolge einer äußere Einwirkung durch die Bewegung des Os okzipitale der intrakranielle Druck erhöht werden kann. Eine Kompression des 4. Hirnventrikels wird angenommen. Dadurch wird die intrakranielle Flüssigkeitsbewegung und der Austausch des Liquors gefördert. Die ostheopatische Behandlung am Okziput beeinflusst u.a. die Zwerchfelltätigkeit und die autonome Atmungskontrolle. Sie senkt auch den Tonus des sympathischen Nervensystems, was sich sehr positiv auf „Stresspatienten“ auswirkt (Upledger und Vredevoogd 1996, S.54).

Im Muskelsystem besteht eine Kontinuität aller faszialen Strukturen, so dass abnorme Veränderungen und therapeutische Massnahmen entlang dieses Systems fast ungehindert weitergeleitet werden können. In dieses longitudinale System der faszialen Kontinuität sind Querverbindungen eingebunden („transversale restriktive Diaphragmen“), die Bereiche erheblicher Belastungen und daher Prädilektionsstellen für Funktionsstörungen des craniosacralen Systems sind. Daher kommt dem Lösen von transversalen Restriktionen z.B. am Zwerchfell, am Diaphragma des Beckens oder an der oberen Thoraxapertur eine wichtige Bedeutung zu.

Weitere Behandlungsziele sind u.a.: Funktionsstörungen im craniosacralen Durasystem, an der Schädelbasis, an Knochen und Knochennähten des Schädeldaches, des Mundes und Gesichtes sowie am Temporomandibulargelenk. In diesen Bereichen werden z.T. spezielle Untersuchungstechniken zur Erkennung von Funktionsstörungen eingesetzt. Bei Torsionsstörungen (eingeschränkte Flexion oder Extension der Craniosacralbewegung) können Kopfschmerzen sowie Schmerzen im „Nervenmuskelskelettsystem“, rezidivierende Nasennebenhöhlenentzündungen oder gar Funktionsstörungen des endokrinen Systems auftreten. Bei speziellen Funktionsstörungen der Sphenobasilargelenke bestehen oft zusätzlich Persönlichkeitsveränderungen (Wutausbrüche, antisoziales Verhalten), bei Kompression der Schädelbasis sind die Symptome am schwerwiegendsten (depressive Zustände, Autismus). Bei einer „Verkeilung“ des Os sakrum zwischen den Darmbeinen (z.B. nach Sturzverletzungen) sind auch Störungen des autonomen Nervensystems zu beobachten. Funktionsstörungen an den Condylen des Os occiput führen zu schwerwiegenden klinischen Symptomen, die z.T. auf Fehlentwicklung an der knöchernen Nervenkanäle oder auf eine Beeinträchtigung der atlanto-okzipitalen Verbindungen zurückzuführen sind (z.B. Sprach- und Schluckschwierigkeiten, Geschmackssinnstörungen, Herzrhythmusstörungen). Bei Funktionsstörungen der Ossa temporalia können Symptome im Bereich des Gehörs, des Gleichgewichts, der Steuerung der Augenmotorik (Strabismus) und Lesestörungen bestehen.

Allgemeine Erkrankungen oder Störfaktoren außerhalb des „Nervenmuskelskelettsystems“ nehmen sekundär auf den craniosacralen Rhythmus Einfluss und können dadurch die oben genannten Funktionsstörungen hervorrufen.
Im Kindesalter werden u.a. folgende Symptome durch Funktionsstörungen des craniosacralen Systems verursacht: starke Unruhe und übermäßiges Weinen im Säuglingsalter, hyperkinetisches Verhalten, Konzentrationsstörungen und Ängste sowie Lernstörungen (z.B. Legasthenie) im Schulalter, aber auch spastische Zerebralparesen und Autismus!

nach oben